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Reste der Verwegenheit sind noch zu spüren
Punk und Kommerz haben sich längst verbrüdert:
Spaß am Stromlinienförmigen - Die Band "Ärzte" sorgte in Hamburg für gute Laune

Von STEFAN KRULLE Hamburg - Am Ufer der Elbe waren sie alle Schweine, an diesem verregneten und saukalten Abend im Hamburger Stadtpark. Sie wollten alle nur das eine, auch wenn das für jeden etwas anderes war. Die ganz vorn, der harte Kern, trugen den alten Darling Punk auf Händen, um ihn vor seinem eigenen Begräbnis zu retten. Daneben jene Kids, die noch von Radiohits in die Arenen getrieben werden. Und hinter ihnen das Gros der 4000, die Mittelklassewagenbesitzer, die sich nur noch schwach an musikalische Proteste erinnern und jetzt endlich einmal wissen wollten, wie diese 1998 wohl aussehen.

Immer noch ein bißchen verwegen. Allein die Zeile "Trau ihnen nicht, mein Kind" aus "Männer sind Schweine", dem ersten Number-One-Hit der "Ärzte" nach 16 Karrierejahren, sie blieb dem Reim und nicht etwa den sichtbaren Schreckensbildern einer wilden Band mit ebensolchem Publikum verpflichtet. So lieb fassen sich sonst nur die Fans von "Pur" bei der kalten Hand, so heiter singt man höchstens noch bei Maffay oder Westernhagen jeden Refrain mit. Und provozieren können "Die Ärzte", können Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzales, auch im knappen Lederdreß keinen mehr, seit sie auf den Titelseiten der Zeitgeist-Magazine posieren. Selbst die verbalen Zoten, mit denen sie noch vor zehn Jahren als Stammgäste in den Index-Listen vornehmlich süddeutscher Sender ganz oben rangierten, sind mittlerweile von den Kiesbauers, Bärbel Schäfers, Veras am Mittag und Nachmittag überholt.

Dafür jedoch kommt den "Ärzten", höchst seltenes Schauspiel im Popzirkus, jetzt ausgerechnet das entgegen, was die Stars sonst meiden wie der Teufel das Weihwasser: ihr Image. Galt das nicht bloß ihnen verliehene Prädikat "Fun Punk" noch zu besten Zeiten vierfarbiger Irokesen-Schnitte als Makel und Beleidigung, so ist es den drei Berlinern just zum Rettungsanker ihrer sterbenden Zunft geworden. Wenn schon die dilettantisch geschrammten zwei Akkorde zum Sperrfeuer-Schlagzeug niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken, so kann dies einer Humoristen-Truppe mit flotten Sprüchen und einer gehörigen Portion Selbstironie noch immer leicht gelingen.

Also frisch voran und keß kokettiert mit der eigenen, langen Historie, die angeblich schon auf vollen Touren lief, als die Rolling Stones sich gründeten. Die übrigens warten heute, anders als Bela B., den sein Kollege Urlaub als "Sexy, intelligent und bescheiden" vorstellt, vergeblich auf Dessous am Bühnenrand. Bela sammelt solche Trophäen inzwischen mit Routine vom Rasen, "auf den ich", wie Urlaub witzelt, "gerade noch gekackt habe!" Gags, mit denen auch Fips Asmussen oder Diether Krebs Lacher sammeln. Aber die gehen noch regelmäßig zum Friseur, doch das ist eben spießig, piefig. Wer indes wie "Die Ärzte" ein bißchen mit dem Chaos flirtet, Madonnas "Frozen" zur halbminütigen Punk-Operette veralbert und Pink Floyd auf der Krachgitarre verhunzt, erspielt sich binnen kurzem Credibility.

Wen kümmert es heute noch, daß Bela B. & Co. kaum ungewollt zum Kassenschlager wurden? Daß ihr aktuelles Album "13" mit riesigem, eigenhändig gemanagtem Presserummmel zum Knüller wurde und die hauseigene Promotion-Maus Violetta - Originaltext Visitenkarte: "Promotion Terminator" - die Presse-Akkreditierungs-Modalitäten diktieren möchte, als sei sie gerade zur Hausherrin des jüngsten UN-Gipfels geworden?

Wie, Punk und Kommerz seien unversöhnliche Feinde? Aber bitte, welches Jahr, oder besser, welches Jahrzehnt schreiben wir denn? Und warum sollten "Die Ärzte" nicht jetzt auch noch zu Comic-Helden werden, weshalb nicht demnächst jeden Donnerstag bei Harald Schmidt die Juxbolde undFörderer der eigenen Sache mimen?

Schauen Sie sich doch nur das Auditorium an, das gerade mutwillig "La Ola" unter Belas Regie inszeniert und dabei keinen Deut schlechter aussieht als die Boris-Becker-Fans beim Davis Cup! Natürlich singt Farin Urlaub von Leuten, die das Wort Attitüde nicht einmal zu buchstabieren wissen. Aber klopft er dabei etwa mit dem Schuh aufs Rednerpult, um ernst genommen zu werden? Naalso!

Illusionen sind erst dann richtig schön, wenn man sie aufgeben darf. Wenn Farin Urlaub im "Spiegel"-Interview von seinen Konten bei der Commerzbank erzählen kann, ohne auch nur eines einzigen Fans verlustig zu gehen, und Bela B. im Hamburger Konzert rotzig seine Band zur "besten der Welt" erklärt, wo früher hinter dem Statement die Ironie des Underdog, heute aber Millionenumsätze lauern. So what? Kein Mensch ist schließlich gekommen, um sich alte Träume renovieren zu lassen.

Fraglich bleibt nur, weshalb zum Thema "Ärzte" in den Archiven vornehmlich Artikel aus den Teenie-Postillen vorrätig gehalten werden. Das Pärchen nebenan singt jeden Vers aus dem Gedächtnis mit, ihr Filius, vermutlich schon im Besitz eines gültigen Führerscheins, wippt eher lustlos knapp am Rhythmus vorbei. Ob womöglich am Ende, wie auch bei Campinos "Toten Hosen", eine bislang schmählich unbemerkte Nostalgiewelle die Schuld am Erfolg der "Ärzte" trägt?

Bela, Farin und Rodrigo kann's egal sein. Sie haben als Entertainer zweieinhalb Stunden lang solide Arbeit geleistet. "Wenn einen jeder kennt und gut findet", sagt Urlaub, "ist das nichtmehr so richtig Punkrock." In Hamburg kannten alle "Die Ärzte" und fanden sie auch richtig gut. Schwermütige Gedanken muß sich deshalb trotzdem niemand machen.

© DIE WELT, 26.8.1998