(aus der Zeitung "Die Welt" vom 08.09.98)


Erst reden, dann spielen: "Die Ärzte" und ihre Sprech-Stunde in der ausverkauften Wuhlheide

eve - "Wir können auch über sterbende Wale singen oder über den sterbenden Wald, doch am liebsten singen wir über das F . . ." Des Rezensenten Höflichkeit verbietet die Erwähnung jenes Begriffes, mit dem Farin Urlaub und seine beiden Kompagnons von den "Ärzten" in der mit 17 000 Zuschauern vollgestopften Freilichtbühne Wuhlheide jenen Tabubruch inszenieren, der schon lange keiner mehr ist. Seitdem die Zone unterhalb der Gürtellinie bei den Arabellas und Bärbels, Veronas und Ilonas der heilen Fernsehwelt zum Allgemeingut geworden ist, ist die einst gepflegte Anti-Haltung der Fun-Punker aus Berlin selber zum Trend geworden: Die weiblichen Fans mit ihren roten Haaren sehen aus wie Franka Potente in "Lola rennt", der Totenkopf im Ohr so mancher männlichen Mittzwanziger schaut schon recht zahnlos drein, und der Pogo-Tanz der gerade volljährig gewordenen Teenager ist ungelenk wie eh und je. "Attacke Royal" heißt die Tour der "Ärzte" - es ist eine "Attacke Banal". Farin Urlaub, Rodrigo Gonzales und Bela B. haben sich spätestens mit ihrem Nummer-eins-Hit "Männer sind Schweine" von den spätpubertierenden Punks, die sie nie waren, zum Mainstream-Mitschwimmer auf Talkshow-Niveau entwickelt. "Wollt Ihr, daß wir alle Nummern schnell durchspielen, oder sollen wir auch dazwischen ein bißchen labern?" schreit Farin listig in die Dämmerung. Das Publikum gröhlt zur letzteren Variante ein bißchen lauter, und deshalb wird der schnelle Punk mit seinen zwei Schrammel-Akkorden schnell zur Nebensache. Der Talk entwickelt sich zum beherrschenden Thema auf der karg ausgestatteten Bühne, für deren Nichts viele helle Scheinwerfer und für das große Logo "Die Ärzte" viele stark blendende Glühbirnen eingesetzt werden. Farin, Rod und Bela stehen dabei mal im dichten Nebel und mal im vollen Rotlicht. Von der hypnotisch hüpfenden Menge kriegen sie eine richtige La-Ola-Welle, auch mal ein "Huhu", mal ein "ejejej". Und Farin und Bela reden ständig und stetig laut vom "F . . .", untereinander und übereinander. Und die Fans stehen im langsam stärker werdenden Regen - und tanzen.

© DIE WELT, 8.9.1998