Visions im Gespräch mit dem Musiker, Verleger und Schauspieler Dirk Felsenheimer alias Bela B.
(aus: "Visions", Nr. 03/99, freundlicherweise eingescannt von Carsten Aufermann)


"Letztendlich sind wir immer noch die beste Parodie einer Rockband."

Du machst jetzt Urlaub bis Ende Mai, das sind satte dreieinhalb Monate.

Ja, ich will dieses Jahr unbedingt mehr Urlaub machen als sonst. Deshalb haben wir auch unsere Teilnahme an der Warped-Tour außerhalb Deutschlands komplett abgesagt. Wir mußten nach der ganzen Arbeit, die hinter uns liegt, einfach mal die Bremse treten, damit es noch Spaß macht. Die Deutschland-Dates halten wir ein, weil wir bei den Veranstaltern im Wort stehen und für Germany natürlich extrem wichtig sind. Das letzte Jahr war einfach zu hart, ich habe ganze fünf Tage Urlaub gemacht, Rod vielleicht zehn Tage und Jan etwa zwei Wochen, aber der heißt ja nicht umsonst Farin Urlaub. Ich hatte halt zu viele Sachen um die Ohren.

Bist du als Workaholic, der neben der Band auf vielen anderen Hochzeiten tanzt, eigentlich noch fähig, richtig abzuschalten, oder grübelst du am Strand über die nächsten Projekte?

Ich brauche mit Sicherheit zwei Wochen, bis ich relaxen kann. Ich muß erst wieder lernen, wie man Urlaub eigentlich macht. Arn liebsten lasse ich mir von meiner Freundin sagen, wie das geht. Ich werde jedenfalls nicht mehr wie 1993 auf Bali in Hotels wohnen, wo man E- mails und Faxe empfangen kann.

Unterbrichst du den Urlaub zwischendurch für die üblichen Festivitäten wie die Echo-Verleihung am 4. März? Bei so vielen Nominierungen...

Wir sind ja inzwischen bekannt dafür, daß wir zu solchen Veranstaltungen nicht hingehen. Lediglich auf der VIVA-Komet-Verleihung vor zwei Jahren sind Rod und ich aufgetaucht, aber da haben sie uns auch schwerstens geködert. Als es hieß, daß Kiss kommen würden und wir ihnen den Lifetime-Award überreichen sollten, sind wir dann schwach geworden, aber ansonsten gehen wir nie zu diesen Festivitäten. Diesmal sind wir in so vielen Sparten nominiert, daß wir schon überlegt haben hinzugehen. So sind wir wieder nur die Verlierer, weil man bei diesen Verleihungen nie was bekommt, wenn man nicht selbst anwesend ist. Wir sind als beste Band nominiert, aber das sind die Böhsen Onkelz auch - sollen es doch die Onkelz und Pur unter sich ausmachen.

Du verstärkst gerade deine Schauspielaktivitäten, nimmst sogar ernsthaft Unterricht...

Noch nicht, aber ich will eventuell ein paar Kurse besuchen. Nach meinen Auftritten bei Buttgereit und in dem unsäglichen 'Richie Guitar'-Film bin ich letztes Jahr über meine Filmmusik für 'Obsession' an eine Agentur gekommen; die haben mich fast überredet, es mit meinem Gesicht mal als Schauspieler zu versuchen. Letztes Jahr hab' ich in 'Over The Rainbow' mitgespielt, der dieses Jahr im August rauskommt. Gestern bin ich aus Wien wiedergekommen, wo ich in dem Film 'Der Baldower' mitgespielt habe, eine Art Gangsterfilm mit allerlei Verstrickungen.

Was ist dein Part?

Ich bin einer von den ganz Bösen, ein Junge fürs Grobe, der die Schmutzarbeit macht. Mein Partner heißt stummer Wolf, ich bin der coole Chris, man kann sich das ungefähr so vorstellen wie die beiden Jungs aus 'Fargo'. Da wird gekillt und gefoltert...

Hältst du dich selbst für filmogen bzw. talentiert?

Das ist für mich gar nicht die Frage. Ich setze mich schon seit den Achtzigern immer wieder der Kritik aus, weil ich mich auf Terrain begebe, von dem ich angeblich keine Ahnung habe. Es gibt tausend Leute, die behaupten, ich könnte nicht singen, und genauso viele meinen, ich sollte das mit der Schauspielerei lassen. Ich will einfach meine Möglichkeiten ausschöpfen, ob das nun mein Comic-Verlag ist oder sonstwas.

Welche Rolle würdest du für dein Leben gerne spielen?

Ich denke mal, daß ich irgendwie auf den Bösewicht festgelegt bin, was mir gut gefällt, schließlich ist das der erotischere Part. Der Höhepunkt wäre da - was auch schon manche deutsche Schauspieler geschafft haben -, in einem Bond-Film den Bösen zu spielen. Wie auch immer, die Ärzte bleiben die Nummer 1 bei mir, da ist alles andere untergeordnet.

Trotzdem gibt es kaum eine deutsche Punk- Combo, die nicht einen Gastbeitrag von dir in den Credits ihrer aktuellen Veröffentlichungen vermerkt hat. Der Gebrauch des Stickers 'feat. Bela B.' ist ziemlich inflationär geworden...

Inflationär ist genau das richtige Wort, Ich finde das auch nicht mehr so richtig cool. Aber ständig kommen von allen Seiten Anfragen. Dieses Jahr habe ich z.B. auch schon drei Gastauftritte abgesagt. Das geht einfach nicht mehr alles, seit sich irgendwann zu sehr rumgesprochen hat, daß ich der Popstar für den Notfall bin.

Starthilfe für befreundete Newcomer-Bands ist ja legitim, aber wenn sich dann ergebene Bela-Fans Platten von Fluchtweg, Witte XP oder auch Mad Sin kaufen, haben sie viel Geld für wenig Arzt ausgegeben...

Das ist richtig, deswegen werde ich mir sowas dieses Jahr auch komplett stecken. Witte z.B. ist halt 'n Kumpel von uns, der sein Leben aber im Untergrund fristet, deswegen haben wir auch einen Song von ihm gecovert, aber auf der Witte-Platte ist so gut wie nichts von uns. Ich sag ein Wort, Jan sagt ein Wort, im Hintergrund machen wir 'chik-e-chik', und das war's. Dafür steht dann unser Name groß drauf, das ist schon uncool. Für die Zukunft verspreche ich, daß ich die Leute damit in Ruhe lassen will und nicht auf der 500er-Auflage der 'Ekzeme am Arsch'-Platte von Nieten- punk oder sonstwem zu hören sein werde. Eine Ausnahme sind da aber die Chainsaw Hollies, die Band rneines besten Freundes Atze Ludwig. Bei deren neuer Platte werde ich natürlich wieder dabeisein.

Ohne es nahelegen zu wollen: Wäre nicht jetzt - nach wochenlanger Charts-Dominanz, der Tour mit Kiss, dem Lara Croft-Video, den Nacktfotos in Max... - der beste Zeitpunkt, die Ärzte aufzulösen und eure Popularität für einen musikalischen Neubeginn zu nutzen?

Viele Fans befürchten das, andere hoffen es, und es gibt auch Anzeichen, die dafür sprechen. Ende des Jahres kommt eine Live-Platte, und wie man weiß, haben wir uns nach der letzten Live-Platte getrennt. Aber wir wollen auf jeden Fall noch Die Ärzte 2000 erleben. 18 Jahre Ärzte - dann reicht es vielleicht, 20 wären peinlich. Die '13' ist unsere beste Platte, da sind wir uns einig, und es ist eine große Herausforderung, ein Album wie dieses zu übertreffen, Ein Zeichen dafür, daß wir noch viel vorhaben, ist die Entscheidung, die Warped-Tour abzusagen, weil wir letztes Jahr 14 Monate am Stück mit dieser einen Platte beschäftigt waren. Damit die Band weiterhin Spa8 macht, müssen wir Pause machen. Wenn wir uns auflösen wollten, hätten wir sicher die Warped- Tour noch mitgenommen und in USA, Japan und Südamerika gespielt.

Verspürt du nicht auch manchmal wieder Lust, persönliche Vorlieben wie punkigen Rock'n'Roll a la Backyard Babies auszuleben? Einerseits können sich die Ärzte so gut wie alles erlauben, weil die Fans den Weg immer treu mitgehen. Andererseits hat auch euer weitgestecktes Narrenreich Grenzen. Ein reines Country-Alhum wäre dann doch zuviel des Guten, oder kannst du dir z.B. vorstellen, auf einmal englisch zu singen?

Da hast du schon recht, aber das kann man auf fast alle Bands anwenden. Der Grundkonsens unserer Musik ist Popmusik mit fetten, verzerrten Gitarren; das Wort 'Punk' ist doch recht abgenutzt, letztendlich auch von uns. Ein Song wie 'Der Graf' z.B. sticht aus dem letzten Album heraus, wären da aber nur solche Songs, hätten wir vielleicht auf einer Gruftie-Messe ganz gute Karten. Aber wir haben ja auch kein Bedürfnis, nur Songs in einer Richtung zu machen. Der Humoraspekt ist automatisch gegeben, und dieses Pop-Punk-Ding ist bei uns allen noch stark präsent. Bei Rod ein wenig metallischer, und es gibt ja auch immer noch die Idee von unserem gemeinsamen Metal-Projekt Zwei fickende Hunde. Wir haben auf jeden Fall noch das Bedürfnis, irgendwann die Metal-Parodie- Platte schlechthin zu machen, aber wann...

Gibt's deine Schäbi-Metal-Sammlung noch? Was waren die letzten Neuzugänge?

Die Schäbi-Sammlung gibt's noch, wir haben ja gerade ein True Metal-Revival, und ich muß unbedingt mal wieder im Metal-Laden meines Vertrauens einkaufen gehen. Hab' mich jetzt ein bißchen auf Black Metal verlegt, wobei ich da einige Sachen aufrichtig geil finde. Manches ist aber auch nur extrem oder hammermäßig lächerlich. Gerade habe ich eine Platte gekauft, Christ Denies heißt die Band, hat Rod entdeckt. Das ist richtig lustiges Gegrunze, das lassen wir oft laufen, wenn wir nach einem Konzert Autogramme geben. Ansonsten hab' ich hier gerade Wizzard aus der True Metal-Ecke. Da sind 19 Songs und 16 Hörspiele drauf. Sehr, sehr groß sind auch Metalucifer, oder war's Lucimetal? Jedenfalls 'ne japanische Band, die singen richtig schlechtes Englisch - sehr geil, kann ich nur empfehlen.

Hast du eigentlich noch Zeit für so banale Vergnügen wie einen Sonntag auf der Fernseh-Couch.

Klar gibt's das, ich hab ja auch noch meine Dauerkarte für St. Pauli, obwohl ich in letzter Zeit auch nicht so oft da war. Außerdem bin ich superverliebt zur Zeit und habe viel Spaß mit der jungen Dame. Wir gehen auch gerne mal ins Kino, aber wenn ich nach Berlin oder nach Hamburg komme, sind da immer so viele Menschen, die ich alle gerne sehen würde, und dann geht das natürlich auf deren Kosten. Da hab' ich's mit meinem Verlag ganz gut, weil da meine engeren Freunde arbeiten. Da ist ein Arbeitsmeeting immer auch ein Treffen unter Freunden.

Inwieweit ist dein Leben heute das, was man gemeinhin 'bürgerlich' nennt?

Was das Aufstehen morgens anbetrifft, bin ich alles andere als bürgerlich, da bin ich auch dankbar für. Ich verkehre nicht im Club der Millionäre und ziehe nicht mit irgendwelchen Rockstars rum. Ich lebe in 'ner ganz normalen Wohnung, d.h. sie ist etwas größer als normal, aber das sieht man nicht, weil ich so'n extremer Sammler bin und alles mit Kram vollgestopft habe. Ich fahre 'nen Kombi, mein Motorrad benutz' ich fast nie, und bisweilen fahr' ich auch Fahrrad. Ich führe schon ein ganz normales Leben: Wenn ich trinke, werde ich besoffen wie jeder andere, wenn ich Drogen nehme, werde ich high, und Sex macht auch äußerst viel Spaß. Natürlich habe ich eine andere Einstellung zu den Dingen als jemand, der morgens um acht aufsteht und bei der Post arbeitet. Ich hab vielleicht einfach Glück gehabt, daß ich meine Vorstellungen so gut realisieren konnte, aber wahrscheinlich war ich nur stur genug.

Löst der materielle Wohlstand für dich als fanatischen Sammler von Comics, Platten, Filmen etc. nicht auch manchmal ein frustrierendes Gefühl aus, weil du die raren Stücke, für die du früher vielleicht auf ein paar Bier verzichten mußtest, heute ohne zu überlegen oder zu feilschen mitnehmen kannst? Die Freude ist doch wesentlich geringer, wenn die Jagd wegfällt und man keine Opfer bringen muß.

Das ist ein wunder Punkt, über solche Sachen mache ich mir auch Gedanken. Bei Comics, die ich ja wie irre sammle, denke ich mir: immer besser mitnehmen und damit wenigstens irgendeinen kleinen Verlag unterstützen. Genauso ist's mit Platten, und irgendwann steht jeder Winkel voll und ich frage mich: Was machst du eigentlich mit all den kleinen Schätzchen, die du da jetzt angehäuft hast? Irgendwie tritt da schon 'ne gewisse Ermüdungserscheinung ein, woraufhin ich vom Konsument zum Macher wurde, was die Comics angeht. Wenn ich überlege, daß ich jetzt mit Leuten wie Danzig oder Simon Bisley telefoniere, sogar mit Giger mal, ist das fast unglaublich für mich. Da fühl' ich mich immer noch wie ein Kind im Einkaufsladen, das erwachsen spielt.

Was war deine erste Begegnung mit Comics?

Asterix natürlich. Meine Eltern waren geschieden, mein Vater hat mich dann als Kind in den Sommerferien immer zu sich geholt. Meine Mutter hatte nicht viel Geld, also bin ich zu ihm nach Köln. Da er arbeiten mußte, hat er mir immer Comics gekauft, um mich ruhigzustellen. Das allererste war glaube ich Tom Berry, ganz furchtbar, wird hoffentlich nie ein Revival erfahren. Dann kamen Asterix, Bessie, Lassy und dieser ganze Scheiß, den ich schnell hinter mir gelassen habe. Irgendwann ist man dann alt genug, selbst zu entscheiden, was gut ist. Was verloren geht an der Sammlerleidenschaft, ist auch noch ein anderer Aspekt: Man braucht Zeit, um all diese Hefte zu lesen. Oder Platten hören, das schaff ich momentan nur im Auto. Jedenfalls habe ich jetzt wieder angefangen, meiner Freundin und Freunden Cassetten aufzunehmen, das ist so eine schöne alte Sitte von früher. Ein 90-Minuten-Tape dauert drei Stunden, aber du bist in den drei Stunden konzentriert mit Musik beschäftigt. Je älter du wirst, desto mehr wird Zeit leider zum Riesenluxus.

Wie wurde das Interesse für Fußball geweckt?

Ich bin da keine Koryphäe, als Berliner kann man da auch keinen Lokalpatriotismus entwickeln. In Spandau, wo ich aufgewachsen bin, mußte ich am Wochenende immer mit den Hertha-Fröschen in der U-Bahn fahren, was höchst unangenehm war. Man ist da öfter in Schlägereien verwickelt worden. Die Hertha- Frösche hatten noch 'ne ganz tolle Gang, die sich 'Zyklon B' nannte, mit den Leuten sind wir auch mal aneinandergeraten. Leider kamen die alle aus Spandau, das war echt nicht so cool für mich. Tennis Borussia waren mir damals wie heute einfach zu lau.

Und wie verkraftest du St. Paulis Gurkengekicke?

St. Pauli ist ein Haufen Loser, aber die guten Leute hier in Hamburg identifizieren sich damit. Es ist eine coole Stimmung auf dem Platz, besonders wenn die Sonne scheint. Für mich ist das 'n großer Luxus, da mit 15.000 Leuten auf'm Platz zu stehen. Die haben mir auch schon angeboten, daß ich als Promi neben Tiger Dariusz Michalczewski auf der Trainerbank sitzen könnte, aber darauf habe ich keinen Bock. Auf'm Platz stehen zwar mit Sicherheit auch Sharp-Skins und Punks rum, die mich bestimmt zum Kotzen finden und gerne mal'n Streit vom Zaun brechen würden, aber dort lassen sie mich in Ruhe. Da zu stehen mit Freunden, nachmittags schon leicht angetrunken, irgendwo kreist ein Joint - das ist echt cool.

Soweit ich weiß, gehst du aber immer öfter vermummt auf St. Pauli.

Ja, das kann schon mal sein. Wenn ich rausgehe, habe ich manchmal eine Baseballmütze und 'ne Sonnenbrille auf. Als ich die knallbunten Haare hatte, mit denen man mich schon aus 'nem Kilometer Entfernung erkannt hat, habe ich das öfter gemacht.

So ja auch beim Turbonegro-Konzert in Düsseldorf.

Stimmt. Manchmal liegt es aber auch einfach daran, daß ich keinen Bock habe, die Haare hochzumachen. Es kommt schon vor, daß ich angequatscht werde, und manchmal nervt es auch, wie jetzt am Wochenende. Aber wenn dann der hundertste Punk meint, daß es ja cool ist, mich blöde anzumachen, denk' ich mir auch nur noch: 'mein Gott...' Schlimmer wird's, wenn Leute mich auf der sozialen Schiene erwischen wollen und fragen, ob wir nicht mal 'n paar Benefiz-Konzerte spielen können. Da muß ich dann erklären, warum das einfach nicht geht. Jan ist da eiskalt, aber ich bin wohl zu weich und diskutiere dann mit den Leuten, was ich mir aber auch schon 'n bißchen abgewöhnt habe. Über Anmache kann ich noch lachen, aber über dieses 'früher-wart-ihr-ja-mal...'- Ding kann jeder etwas erzählen, der mehr als zwei Platten verkauft hat.

Themawechsel: Hast du mit deinem Comic-Verlag 'Extrem Erfolgreich Enterprises' schon Kontakt mit Zensur gehabt?

Ich habe gerade einen guten Porno-Zeichner aus Spanien aufgetan, der Ultra-Hardcore-Stuff macht. Da müssen wir schon aufpassen, daß wir der Staatsanwaltschaft nicht zuviel Futter geben. Bisher gab's noch keinen Ärger, aber die meisten Sachen sind ja auch ab 18, und die härtesten Dinger haben wir eingeschweißt, was bisher nur bei 'Faust' und 'Satanica' vorgekommen ist. Wir achten schon darauf, daß wir mit Sodomie und sowas nix am Hut haben, aber wenn's drauf ankäme, würde ich mit meinem Verlag vor Gericht ziehen und das auskämpfen. Zensur ist eine ätzende Beschneidung, und wie weit das in Deutschland gehen kann, hat die Sache mit dem Alpha-Verlag gezeigt, Das schlimmste ist wirklich die Beschlagnahmung des 'Maus'-Titels, lächerlich.

Gab's noch Ärger wegen eures Bullenschweine-Zitats in "Männer sind Schweine" (siehe VISIONS Nr. 68)?

Nee, gar nicht. Der Bravo-Sampler ist leider nicht indiziert worden, was wir doch gerne gesehen hätten. Ich hab 'n bißchen das Gefühl, daß die da in ihren Büros eingesehen haben, daß uns das damals mehr genutzt als geschadet hat. Obwohl, vor zwei Jahren haben sie in Bayern noch ein Plakat von uns verboten zu 'Das Beste von kurz nach früher bis jetze', da waren so kleine Babypuppen in Reizwäsche zu sehen, die an Seilen hingen.

Meinung wird bei den Ärzten prinzipiell eher ironisch als plakativ transportiert, doch die von euch unterstützte Klimawette (siehe dazu auch die Ärzte-Homepage www.deutschrock.de) deutet doch so etwas wie soziales Verantwortungsgefühl an.

Ja, das ist so'ne Sache. Wir gehen mit solchen Dingen nicht hausieren, nichts ist schlimmer als sich permanent als guter Mensch zu verkaufen, da sei Bono Vox vor. Diese Klimawette war in all den Jaheren die einzige Sache, wo unsere Popularität gefragt war und kein Geld. Die Aktion kommt aus der Schülerecke, und das ist zum großen Teil 'ne Klientel, die unsere Platten noch anders hört als die älteren.

Aber besteht nicht gerade bei den sehr jungen Fans die Gefahr, daß sie Lyrics wie z.B. in "Ignorama" zu wörtlich nehmen und es cool finden, einfach drauf zu scheißen, da8 dieser Planet vor die Hunde geht?

Das ist das Problem, da haben wir natürlich auch eine gewisse Intelligenz vorausgesetzt. Das stimmt schon, ich mußte diesen Text schon des öfteren erklären, aber - verdammt - wir sind die Ärzte, und wer die Ironie bei uns nicht sieht, dem ist nicht zu helfen. Es wird immer Leute geben, die etwas falsch verstehen, aber dieser Song wird niemanden dazu bringen, sein politisches Engagement einzustellen. Jedenfalls waren wir uns bei dieser Klimawette bandintern einig, daß wir das auf unserer dreieinhalb- monatigen Tournee unterstützen wollten. Weil's eine gute Aktion ist, daß Jugendliche da die Regierung unter Druck setzen, Aber wir haben nicht - wie gewünscht wurde - auf der Wahlkampfparty von Herrn Schröder gespielt und uns in all den Jahren auch nie in Wackers- dorf blicken lassen. Ich bin bestimmt kein unpolitischer Mensch, aber ich will andere nicht mit meiner Meinung beeinflussen. Wir grenzen uns lieber ab. Wir sind als Die Ärzte, genauso wie die Hosen oder auch die Onkelz eine Band mit einer großen Gefolgschaft, die ihren Helden alles abnimmt. Sorry, da ist dann einfach eine gewisse Verantwortung. Wir haben einen Kontext, in dem die Ärzte funktionieren. Darüber sind wir uns einig, auch wenn 'es kein Manifest gibt, wo die Regeln schriftlich festgelegt sind. Und wenn es ein Manifest gibt, lautet der Leitsatz: alles ist möglich! Letztendlich sind wir immer noch die beste Parodie einer Rockband.

Dirk Siepe