(aus der "Berliner Morgenpost" vom 08.09.98)


Pop mit Stinkefinger

Die Wahrheit sagen sie eigentlich nie: Das zweitägige Heimspiel der Ärzte in der Wuhlheide
Von Andreas Becker

Sogar das Wetter will sich bei den Ärzten einschleimen. Hat es bei der Vorgruppe noch leicht geschauert, ist Schluß mit Regen, als die drei Ärzte Aufstellung nehmen auf der Bühne in der Wuhlheide: links Farin Urlaub, in der Mitte hinter seiner Schießbude Bela B. und rechts der Mann, der den Abend über die meisten BHs einsammeln wird: Rod Gonzales am Bass. Das «Schleimer Lied» von der neuen Platte «13» eröffnet den Abend mit einer freundlichen, aber doch bestimmten Kampfansage an alle, die die Ärzte besonders gut oder schlecht finden. Denn wohl schon immer in ihrer Karriere hatten die Ärzte das Problem, ihr Publikum irgendwie in Schach halten zu müßen: zwischen Nähe und Distanz. Mußten sie sich in den legendären Achtzigern gleichzeitig gegen kreischende Teenies zur Wehr setzen und gegen ihre Fans bei der Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften, müssen sie jetzt damit klar kommen, vor Modern Talking in den Charts zu stehen und zwei Tage lang in einer jeweils fast ausverkauften Freilichtbühne Wuhlheide den Arzt zu machen. Und sie kriegen das ziemlich gut hin. Waren ihre Konzerte 1993 nach ihrer Wiedergeburt noch schnell runtergehauene Spaß-Gigs am Rande des Dumpfsinns, stehen die Jungs jetzt besser da denn je. Farin macht den Ansager, der zweite Song des Abends geht programmatisch «Mitten in die Fresse». Unter Teenies und gestandenen Männern ist schon beim ersten Song vor der Bühne Pogo angesagt. Selten sieht man bei Konzerten so viele Alters- und Szenegruppen derartig harmonisch wie hier. Immer neue Teenie-Generationen begeistern sich für das Berliner Trio, wenden sich dann für einige Jahre ab, um als Erwachsene mit umso größerer Begeisterung zurückzukommen. Die Ärze sind wie ideale Eltern - man darf sie bescheuert finden, aber sie leihen einem doch immer wieder Geld. «Jetzt wieder ein politisches Lied übers Ficken und über Wale und über'n Regenwald.» Eigentlich zeigen die Ärzte ihrem Publikum ständig den Stinkefinger, aber das tun sie mit solcher Liebe und Hingabe, das man sie allein dafür schon knutschen möchte. Wer bei den Ärzten nicht die Ironie mithört, weiß nicht, was Attitüde heißt. Ärzte-Songs sind klassische Dreieinhalbminuten-Nummern, und so können sie bei einem über zweistündigen Heimspiel in der Wuhlheide fast ihre komplette Bandgeschichte Revue passieren lassen. «Jetzt wieder ein Stück aus unserer mittleren Phase», sagt Mister Urlaub bei «Gwendoline», der gefesselten Comicfrau, die von Anfang an Oberärztin war. Bassist Rod Gonzales hat inzwischen mindestens acht BHs an seinem Mikroständer zum Trocknen aufgehängt - er ist mit Dreißig und nur fünf Jahren praktizierender Ärzteschaft eben der Band-Youngster. So heimst er die meisten durchgeschwitzten Wonderbras ein, Bela fängt einen fliederfarbenen, aber der kam von einem Mann. Dann machen wir ihnen auch schon willig drei Runden lang die La-Ola-Welle. «War doch nur ein Witz», veräppelt uns Farin danach. Vor allem er hat die Leute im Griff: «Jetzt könnt ihr die Feuerzeuge 'rausholen», und schon ist die Wuhlheide in ein wohliges gelbliches Feuerscheinlicht getaucht. Dann dürfen wir gegen die gegnerische Fanseite «Huh!» brüllen, die andern schrein «Hah!» Gut gemacht, Leute, ihr wart bislang die lautesten. Die Ärzte brauchen weder besonders gut zu spielen noch eine aufwendige Bühnenshow. Das ist angenehm unspektakulär, gleichzeitig hält solcher Minimalaufwand die Eintrittspreise auf niedrigem Level. Die Ärzte verdienen ihr Geld, aber sie zocken uns nicht ab. Auch deshalb sind sie immer noch extrem glaubwürdig. Und das natürlich vor allem, weil sie uns nie die Wahrheit sagen. Noch bis Ende November touren die drei großen Jungs durch deutschsprachige Regionen, fast alle Konzerte sind ausverkauft. Die Ärzte sind wieder mal auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Jetzt könnten sie sich eigentlich mal wieder auflösen. Aber bitte nur als Gag. Leserbrief _________________________________________________________________
©Berliner Morgenpost 1998