(aus der "Badischen Zeitung" vom 10.09.98)


Echte Ärzte-Fans vollen feiern und pogen

WEIL AM RHEIN. Über ihre Texte läßt sich streiten. Manches scheint jenseits des guten Geschmacks. Doch daß es den Punk-Rockern aus Berlin gelang das Weiler Publikum zu begeistern das stand nach dem zweieinhalbstündigen Auftritt im Stadion ohne Zweifel fest.

Die Ärzte riefen ihre Fans nach Weil und sie kamen zu Tausenden. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Alt- und Jungpunks, Bravo-lesende Grundschülerinnnen, Skinheads, nervöse Mamis und Papis, die so gar nicht verstehen konnten, daß sie ihre Campingstühle draußen lassen mußten.

Schon Stunden vor dem Auftreten des Berliner Trios schallten „Ärzte, Ärzte!“ -Rufe durch den frühen Abend. Kein Wunder also, daß die beiden Vorgruppen, die „New Have Hookers“ und die „Butlers“ Mühe hatten, die Stimmung anzuheizen. Als die Idole dann endlich die Bühne betraten kannte die Begeisterung aber keine Grenzen mehr. BHs flogen auf die Bühne und ein wildes Pogogetümmel schleuderte die Menschenmenge durcheinander. Die vielstimmige Forderung der Fans ( „Ausziehen! Ausziehen!“ ) konterte die Band mit altbekannten Sprüchen: „Ihr müßt Euch nicht alle ausziehen, es langt, wenn es die Mädchen tun.“ – was einige der zahlreichen weiblichen Teenager prompt taten. So sind halt die Zeiten.

Doch so schnell wie die gute Stimmung gekommen war, so schnell ließ sie auch wieder nach. Zu viele schwerfällige Metal-Songs (Vermissen Baby!“ „Party stinkt“ ) und schlechten Balladen ( „1/2 Lovesong“ ) haben sich über die Jahre in das Repertoire der Ärzte eingeschlichen. Vor allem die gelegentlichen Gesangseinlagen von „Mister 1000 Volt“ Rodrigo Gonzales sorgten bei großen Teilen des Publikums für Irritationen. Trefflich stellte Sänger Farin Urlaub bereits nach einigen Songs fest: „Hey, was ist mit Euch los? Ich habe so ein bißchen das Gefühl, daß das letzte Rockkonzert in Weil am Rhein über 100 Jahre her ist. Ihr wirkt etwas müde“ !

Aber die Ärzte wären nicht die „Beste Band der Welt“, wenn sie nicht auch diese kleinen Misslichkeiten in den Griff bekommen würden. Routiniert und mit dem so typischen Urlaub-Charme wurde dem amüsierten Publikum beigebracht, wie sich die Herren Popstars ein gelungenes Konzert vorstellen. La Ola-Welle auf Abruf und nach Kommando ( „F.....!“ ) in die Luft springende Menschenmassen. Die Bemühungen der Band wurden belohnt. Zumindestens bei den bekannten Hits und Ärzte-Klassikern wie „Ist das alles“, „Elke“ oder „Wie am ersten Tag“ sangen die Fans lauthals mit.

Als besonderes Bonbon streuten die Popstars sogar einige Uralt-Songs aus ihrer frühesten Anfangsphase ein. Vor allem bei den älteren Semestern kamen bei Stücken wie „Der lustige Astronaut“ oder „Ich weiß nicht, ob es Liebe ist“, Erinnerungen an Zeiten auf, in denen die Ärzte noch in besetzten Häusern oder kleinen, muffligen Clubs gespielt haben und noch nicht jede auf die Bühne geworfene Plastikflasche sofort von herbeieilenden Ordnern entfernt wurde.

Eines hat sich allerdings bis heute nicht geändert. Ärzte-Fans wollen feiern, pogen und lauthals eingängige Melodien und witzige Texte mitgröhlen. So war es um so bedauerlicher, daß viele alte, aber nach wie vor heiß geliebte Lieder wie „Zu spät“, „Claudia“ oder „Westerland“ nur als Zugabe-Medley zusammengefaßt wurden.

Andererseits ist es verständlich, daß eine Band nicht immer die gleichen Songs vortragen möchte. Und daß Farin, Bela und Rod auch heute noch schmissige Hits schreiben können, beweist ihre aktuelle Scheibe „13“, auf der sich Ohrwürmer wie „Meine Frende“, „Ein Lied für Dich“ und nicht zuletzt „Männer sind Schweine“ befinden. Songs, die auch in Weil für Stimmung gesorgt haben.

Jan Fischer