1. Bericht von einem Festivalauftritt im Rahmen des '2000er "Pepsi Sziget" bzw. "Pepsi Island"-Festivals
am 06.08.00 auf der Budapester "Obuda Insel" in Ungarn

VON BIRGIT:

„It´s time for fucking girls...“ – ein guter Auftakt für ein Konzert außerhalb der heimischen Grenzen, welches viele der anwesenden “Besten Fans der Welt“ zumindest für 1,5 Std., die leider viel zu schnell vorbei gingen, wieder mal in den Genuß brachte, den jeweiligen Opfern der Begierde bei der Arbeit zuzuschauen...

Auch wenn ich mich nicht zu dieser eingeschworenen Gemeinde zähle, muß ich leider zugeben, dass auch ich nach einer eher ungewollten Gehirnwäsche des besten Mitbewohners der Welt in einen gewissen Rausch verfalle, wenn ich den Klängen von „Mach die Augen zu...“ oder „..ich habe schon 4 mal onaniert“ lauschen darf...

Eine essentielle Frage bleibt noch zu klären: warum fährt man (oder eher Frau ) 2800 km (ja, selbst dieses!), um drei Verrückten auf einer Bühne in Ungarn zuzuschauen, um dann wieder mit drei mega großen blauen Flecken, zerschundenen Füßen, fast schon nicht mehr auszugleichender Übermüdung, total verdreckten Hosen und einem wahnsinnigen Bedürfnis nach 1-20 Duschen und einer Menge Grünzeug zum Reinspachteln nach Hause zu fahren?

Nun, ich kann nur für mich sprechen, aber vielleicht kann der eine oder andere nachempfinden, was ich empfand...
 
 

AUF DEN SPUREN DER DREI LUSTIGSTEN ASTRONAUTEN DER WELT


Es begab sich an einem nicht enden wollenden Freitag, dass sich ebenfalls drei Verrückte nach einer langen und ziemlich stressigen Woche in ihren kleinen, giftgrünen Corsa setzten und sich frohen Mutes auf den Weg nach Budapest machten, um unter anderem einem Konzert einer deutschen Band zu lauschen, die zufällig auf dem Pepsi Island Festival (auch sziget-Festival) ein kleines, aber feines Konzert geben sollte.

Daß diese Drei sich in diesem kleinen Gefährt befanden, war schon ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass von ursprünglich acht Punkrockbegeisterten am Ende nur noch dieser kleine kümmerliche Haufen übrig blieb...aber dies sollte nicht das einzige Wunder dieser Fahrt sein.

So fuhr man unter den Klängen der 80er Jahre (die sind geil!), diverser ausländischer Interpreten und natürlich der Besten Band der Welt gen Ungarn, um dann mit lauthals „Arschloch“ gröhlend an der ungarischen Grenze einzutrudeln...und es bewies sich, dass selbst die Ärzte einen Song für jede Lebenslage dichten können.. ;)

An der Grenze angekommen begab man sich an einen Schalter, indem (wie sich später heraus stellte) sich eine ziemliche Zicke befand, die lauthals nach ihrem Kollegen brüllte, nachdem sie eindrücklich unsere Pässe studiert hatte.

Es war mittlerweile 10h morgens und MANN freute sich schon diebisch auf sein erstes Bier (kein Bier vor 4!).
Nur leider hatte MANN nicht darauf geachtet, dass sein Paß, wie sollte es auch anders sein, abgelaufen war, was den ungarischen Grenz-Kollegen und der Zicke übel aufstieß und sie nötigte, den drei nun sehr Verunsicherten  mit einem netten:“ Tja, da müssen sie wohl umkehren“ einen heftigen Tritt in den Hintern zu verpassen.
Da standen sie nun...und auch eine ziemlich große Packung weiblicher Überredungskunst (Mädels, ihr könnt das, glaubt mir!) prallte an dem Grenz-Kollegen ab.

So musste die nun nicht mehr ganz so lustige Gesellschaft zurück nach Passau fahren, um dem einzigen männlichen Insassen des grünen Gefährts einen Passersatz zu bescheren (was für ihn noch ziemlich teuer wird!).
Aus „we´re flying high, we´re watching the world passes us by” wurde “this ist not the time to wonder, this is not the time to cry” und “Arschloch” blieb noch eine ganze Weile in den Köpfen der weiblichen, des Kartenlesens mächtigen, sehr gönnerhaften Fahrerinnen hängen.

ABER: ein sehr schlauer Mann hat einmal gesagt, daß „Intelligenz sich darin zeigt, wie schnell man sich neuen und unbekannten Situationen anpassen kann“ und sich mit vielerlei solch geistiger Ergüssen tröstend kam die kleine Truppe irgendwann zum zweiten Mal lauthals „Arschloch“ gröhlend an der ungarischen Grenze an..
Und da man ja aus seinen Fehlern lernt, wurde ein anderer Schalter anvisiert, in dem ein kleiner, freundlicher, schnauzbärtiger, ungarischer Zöllner saß, der die drei liebevoll hingestreckten Pässe mit keinem Blick würdigte und das verblüffte Trüppchen nur nett grinsend durch die Grenze winkte. ACH SO!

Von riesigen Sonnenblumenfeldern beeindruckt fuhren die Drei, im nachfolgenden auch „wir“ genannt, nach Budapest, wo uns ein wirklich sagenhafter Blick von der Eshébet hid (Elisabethbrücke) für alle Strapazen vorab entlohnte. Budapest ist wirklich supi genial! J

Wir fanden auch recht schnell das Pepsi-Island, jedoch keinen Parkplatz – nur ein ziemlich großes Parkplatz-Chaos.
Doch Wunder Nummer 2 ließ nicht lange auf sich warten, eine nette Esso-Tankstelle erweis sich als die Beste Tankstelle der Welt, die den besten Parkplatz der Welt vermietete, wenigstens für diese zwei Tage.
Hier wurden dann die ermattenden Glieder gestreckt, die Taschen ausgeräumt und ein kleines Orvieto-Pinot Grigio-Picknick veranstaltet (Aldi ist toll!), um dann wie in Watte gepackt in Richtung Campingplatz zu watscheln, was sich als halbe Weltreise entpuppte...

Zu den Klängen von HIMs „Join me“ betraten wir dann die besagte Insel und somit fand auch der erste Tag sein Ende, jedoch nicht ohne vorher die Main Stage zu besuchen und sich den Auftritt der drei Ersehnten, inspiriert durch die schon fast übersinnlich wirkende Belichtung der Bühne, vorzustellen .

Tag Nr. 2 brach an, und ich muß sagen, dass unser Trüppchen mit jeder Minute gieriger nach „Ich scheiß´auf ihre Nase, ich scheiß´ auf  ihr Gewicht“ wurde. Man versuchte sich noch mit einem netten Spaziergang auf der Margaretheninsel (auf der übrigens König Béla IV. seine Tochter Margarethe in ein Kloster steckte) abzulenken.
Gegen 16h ließ sich das unbändige Hufescharren jedoch nicht mehr unterdrücken und man begab sich im Schweinsgalopp zurück auf die besagte Insel.

Leider haben wir durch den eingeschobenen Kulturschock den Soundcheck der Ärzte verpasst, mir wurde jedoch gesagt, dass die Super-Drei ein Minikonzert hingelegt haben sollen, welchen von „Hütchenspiel“ gekrönt wurde – vielen Dank an dieser Stelle an Mandy und Konsorten.

17:45h - das ungarische Volk, welches sich auch zu dem erwarteten MEGA-Ereignis vor der Main Stage eingefunden hatte, wurde noch von einer Kauderwelsch-singenden Truppe eingeheizt und pogte sich warm. Nicht schlecht, die Jungens, aber kein wirklicher Ersatz für...

Nach Beenden dieses „Vorspiels“ wurde die Erwartung der deutschen Fangemeinde, die sich nun auch ihren Platz in der ersten Reihe gesichert hatte, immer größer, bis sie durch ein lautes Gröhlen der Masse bei erstem Sichtkontakt der Ärzte endlich erlöst wurde.

DA WAREN SIE NUN!!! Und sie legten auch gleich los...

Mit Minipli wurde erst mal ein kräftiger Schuß Punkrock von der Bühne geschickt, welches die unten stehende Masse als bald zu einem wilden Pogo-Durcheinander bewegte.
Und ich sage euch, die Jungs hatten richtig SPASS!
Farins Grinsen strahlte über die ganze Bühne und ließ selbst dann nicht nach, als er sich nach einigen Kapriolen durch die bekannten Texte von diversen Klassikern bei „Rebell“ versang, und das klang nach Vergessen der zweiten Strophe in etwa so:“...ich bin nicht, ...äh, ach ja, arm...“.

Meines Erachtens dürfte dies nicht wirklich  aufgefallen sein, nachdem Farin durch diverses Textdurcheinanderwürfeln und Neukreieren seinen Improvisationsgeist zuvor schon unter Beweis stellte.
Bei Teenagerliebe gab es “...als ich sie beim ersten Mal bei den Ärzten sah, wars um mich geschehen, denn sie war so wunderschön...doch wenn ich aufwach, dann fällt mir wieder ein, sie liebt einen Rockstar und ich bin allein...“ zu hören.
Dem folgte „...denn er ist arm und ich habe Geld“ bei „Zu Spät“, wiederum gefolgt von „...kaum warst Du da begannen wir schon mit einer unausweichlichen Konfrontation“ bei „Du willst mich küssen“.
Die Krönung ergab sich jedoch bei„...Es fing an als sie mich anrief, da war ich gleich verlorn´, .....sie sah aus wie eine Zora, nur 1000mal so schön...“- „Elke“, welches umstehenden Fans und Farin selbst ein breites Honigkuchenpferd-Grinsen ins Gesicht trieb.
(Ich habe da mal ´ne Frage: Darf man eigentlich auf Konzerten mit Lattenzäunen um sich werfen? Und verliert man bei einer Slimfast-Diät auch Gehirnzellen?)

Wie dem auch sei, die Drei hatten mächtig Spaß und versuchten dies durch etwaige ungarische Sprachbrocken zu untermalen. (Was um alles in der Welt heißt „Berlin bol?“)

Ihre altbekannten Späße ließen sich BelaFarinRod auch nicht nehmen:
„Trinkt ihr auch lieber Cola?“ – scholl nach den ersten 10 Minuten über den Platz, gefolgt von „Warum ist Pepsi so süß?“ –„ Ich weiß es, Farin, die fressen den ganzen Zucker auf und wichsen dann in die Cola“ (Danke Bela, jetzt weiß ich endlich warum!); na, das dürfte dann wohl das vorerst letzte Konzert auf einem Pepsi-Festival gewesen sein. ;)

Bei „Arschloch“ war die Menge nicht mehr zu bremsen, der komplette Platz fiel in einen Pogo-Rausch, von dem meine blaune Flecken noch eine Weile erzählen werden. „Warum hast Du Angst vorm Pogen?“...erklang es natürlich auch promt per Geistesblitz voll Kreativität von der Bühne.

Zum Leidwesen meines lieben Mitbewohners spielten sie dann auch noch Motherfucker 666 (das ist eine Rarität), was mir jedoch umso mehr Spaß machte, da ich endlich einmal live das böse Wort mit „F“ aus vollem Halse mitsingen konnte – da bin ich wirklich ziemlich stur. ;)

Dann spielten sie es wirklich: Geschwisterliebe – und das live! Das ich das noch erleben durfte...
Dass der Refrain zu „Schlagzeugerliebe“ umfunktioniert wurde interessierte in einem Anflug von nostalgischer Gerührtheit und vollster Bewunderung vor Freundschaft unter Männern auch keinen mehr sonderlich...

Zum Ende des Konzert Elke blieben noch 5 Minuten, so wurde „Elke“ mit den Worten:“ Wir haben nur noch 5 Minuten, da bleibt uns nur noch eins: schneller spielen.“ in die Saiten geschrammelt.

Würde ich nun jeden einzelnen Moment dieses Konzertes aufzählen, der sich mir aufgrund seiner genialen Mischung aus Spaß, Punk, Pogo und den besten Blick der Welt zur Bühne auf die Beste Band der Welt in meiner Erinnerung ein Plätzchen erkämpft hat, ich säße morgen noch hier.

Es bleibt nur zu sagen, dass dieses sehr gut organisierte und friedliche Festival (Love, Peace and Happiness – oder so ähnlich), gekrönt von einem supi Konzert ein wirklich eindrucksvolles Erlebnis war, was mich wenigstens für zwei Tage in einen unglaublichen Rausch versetzt hat.
 

Warum fährt man also 2800km für ein Konzert der Ärzte?

„Und alles nur, weil...“ – ach nee, das sind ja die anderen Durchgeknallten.

…weil man außer einem Selbsterfahrungstrip und dem lang ersehnten Abenteuerurlaub
(und das für nur 200DM) einfach nur hemmungslos Gas geben kann und selbst in nur 1,5 Std. ein Grinsen auf das Gesicht gezaubert bekommt, welches man mit nach Hause nehmen kann und selbst im trüben Alltag  vorerst nicht verliert....bis zum nächsten Konzert der Besten Band der Welt.
 

Trackliste (nicht ganz vollständig, glaube ich):



MG.Rickers, 06.08.00